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Das sind die fahrradfreundlichsten Städte Europas

Hier haben Fahrräder Vorfahrt: Alle zwei Jahre kürt der Copenhagenize-Index die 20 fahrradfreundlichsten Städte der Welt. Doch was zeichnet diese Städte aus? Wir werfen einen Blick auf unsere dänischen und französischen Nachbarn – und verraten natürlich auch die deutschen Spitzenreiter.

Lars Schliewe 14.07.2022 7 Min Lesezeit

Eine eigene Radinfrastruktur mit Radwegen, Fahrradbrücken und Reparaturstationen, extra Abstellplätze, Bike-Sharing-Angebote: Es gibt viele Maßnahmen, die Radlerinnen und Radlern das Leben leichter machen. Die fahrradfreundlichsten Städte der Welt investieren Millionen, um den Radverkehr – und damit eine Mobilität ohne schädliche Klimagase – zu fördern. Europa hat seit Jahren in puncto Fahrradfreundlichkeit die Nase vorn, was der aktuelle Copenhagenize-Index belegt.

Top 20: Die fahrradfreundlichsten Städte der Welt (Copenhagenize-Index 2019)

  1. Kopenhagen
  2. Amsterdam
  3. Utrecht
  4. Antwerpen
  5. Straßburg
  6. Bordeaux
  7. Oslo
  8. Paris
  9. Wien
  10. Helsinki
  11. Bremen
  12. Bogotá
  13. Barcelona
  14. Ljubljana
  15. Berlin
  16. Tokyo
  17. Taipei
  18. Montréal
  19. Vancouver
  20. Hamburg

Was ist der Copenhagenize-Index?

Der Copenhagenize-Index ermittelt seit 2011 alle zwei Jahre die 20 fahrradfreundlichsten Städte der Welt. Bewertet werden rund 136 Großstädte, die mindestens 600.000 Einwohnerinnen und Einwohner haben. Die fahrradfreundlichsten Städte zeichnen die sich durch einen erhöhten Radverkehrsanteil, eine ausgebaute Fahrradinfrastruktur und ein sicheres Radverkehrsnetz aus. Hinter dem „Copenhagenize Bicycle-friendly Cities Index“ steckt das dänische Unternehmen Copenhagenize Design Company.

Platz 15: Berlin

Nicht der deutsche Spitzenreiter, aber trotzdem für viele überraschend: Berlin belegt einen guten Platz 15 unter den fahrradfreundlichsten Städten der Welt. Im Jahr 2018 hat der Berliner Senat das erste Rad- und Mobilitätsgesetz verabschiedet: Innerhalb von zehn Jahren soll die Metropole zur Fahrradstadt umgestaltet werden.

Immer mehr gesicherte Abstellmöglichkeiten für Bikes werden in der City installiert – doch so richtig sicher fühlen sich Radfahrende noch nicht im Berliner Straßenverkehr. Tatsächlich mangelt es an breiten Radwegen, die getrennt sind von den viel befahrenen Straßen. Das Problem ist nach wie vor der knappe Raum, den sich Fahrrad- und Autofahrende teilen müssen. Gefragt sind mutige Entscheidungen, mit denen die Verkehrswende in Berlin und anderen deutschen Städten endlich Fahrt aufnimmt.

Frau fährt auf Fahrrad am Reichstagsgebäude in Berlin vorbei. Schneidet im weltweiten Vergleich unter den Großstädten gar nicht so schlecht ab: Berlin.

Platz 11: Bremen

Deutschlands fahrradfreundlichste Stadt ist Bremen – auf Platz 11. In Bremen stehen Radfahrenden 720 Kilometer Radwege, 2.500 Fahrradstellplätze und Fahrrad-Reparaturstationen mit Luftpumpe und Flickzeug zur Verfügung. Einbahnstraßen sind in beide Richtungen für Radfahrende geöffnet. Und bis 2025 soll Bremens Alte Neustadt in eine komplette Fahrradzone umgewandelt werden.

Der ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club) kürte Bremen zwar zur fahrradfreundlichsten Stadt im Land, verpasste ihr aber gleichzeitig die mangelhafte Note 3,6. Die Radwege seien nicht breit genug und viel zu oft durch parkende Autos blockiert.

Unser Tipp: Wenn Sie Bremen mit dem Fahrrad erkunden wollen, nutzen Sie unbedingt die kostenlose Fahrrad-App „Bike Citizens“. Sie navigiert Sie schnell und einfach auf der besten Route zu Ihrem Ziel.

Platz 8: Paris

Die französische Hauptstadt hat sich seit 2017 fünf Plätze im Ranking der fahrradfreundlichsten Städte nach vorn gekämpft. Und die Tendenz ist auch nach Platz 8 weiter steigend. Denn die Angst vor Ansteckungen mit Covid-19 hat in der französischen Metropole eine allgemeine Fahrradbegeisterung ausgelöst. Die Anzahl der Radfahrenden ist 2020 im Vergleich zum Vorjahr auf rund 30 Prozent gestiegen. Das französische Umweltministerium fördert diesen Wandel mit Investitionen in Millionenhöhe, mit denen Paris fahrrad- und umweltfreundlicher gestaltet werden soll.

Bereits viele Busspuren wurden für den Radverkehr geöffnet und mit erhöhten Begrenzungen zur Fahrbahn hin sicherer gemacht. Außerdem wurde ein Tunnel an der Seine komplett für den Autoverkehr gesperrt, sodass Radfahrende nun ungehindert an die Uferpromenade entlangfahren können. Zusätzlich wurden während der Pandemie kurzerhand zahlreiche Pop-up-Radwege eröffnet: Rund 50 Kilometer Straße sind seitdem für Autofahrende unzugänglich und zu Fahrradschnellstraßen umgewandelt worden.

Mann mit Fahrrad steht im Sonnenaufgang vor Eiffelturm in Paris. Oh, wie schön ist Paris! Die französische Hauptstadt belegt Platz 8 unter den fahrradfreundlichsten Städten – Tendenz steigend. Die Corona-Pandemie hat einen Fahrrad-Boom ausgelöst.

Doch damit nicht genug: Jeder Franzose und jede Französin in Paris, der oder die sein Bike auf Vordermann bringen lassen will, erhält 50 Euro für Reparaturen. Der Kauf eines E-Bikes wird mit 200 Euro vom Staat subventioniert. Somit schafft Paris immer mehr Anreize, das Fahrrad als geeignetes Verkehrsmittel zu etablieren und das Auto häufiger stehen zu lassen.

Wenn Sie das nächste Mal in Frankreichs Hauptstadt unterwegs sind, mieten Sie sich unbedingt ein Bike und brausen Sie die bekannte Rue de Rivoli entlang, um beispielsweise den Louvre zu erkunden.

Wussten Sie, dass …

  • … in Istanbul gerade einmal 0,05 Prozent aller Verkehrsteilnehmenden auf dem Fahrrad unterwegs sind? Puh, da ist noch Luft nach oben!
  • … während Pariser Pop-up-Radwege Radfahrenden dauerhaft zur Verfügung stehen, sich das Berliner Verwaltungsgericht gegen acht ad-hoc installierte Radwege entschieden hat?
  • … Kopenhagener Bürgerinnen und Bürger ganze 1,44 Millionen Kilometer fahren? Am Tag!

Platz 1: Kopenhagen

Nach 2015 und 2017 ist Kopenhagen auch 2019 die fahrradfreundlichste Stadt der Welt. Aber was genau macht Kopenhagen so besonders? Wie hat es die Stadt geschafft, dass 50 Prozent aller Kopenhagener Bürgerinnen und Bürger mit dem Bike zur Arbeit pendeln statt mit dem Auto?

Bereits 2002 brachte die Stadt eine erste Radverkehrsstrategie auf den Weg. Die Strategie: Radfahrende müssen bei der Stadtplanung an erster Stelle stehen. Damit wurden die Weichen für viele kleine und große Programme gestellt, die das Radfahren peu à peu angenehmer machten. Entstanden ist ein Eldorado für Fahrradfreunde: 390 Kilometer Radweg, Fahrradautobahnen für schnelles Vorwärtskommen, Fahrradparkhäuser mit kostenlosen Luftstationen, Radbrücken, die sich quer durch den Hafen schlängeln, Papierkörbe, die Radfahrende ganz leicht im Vorbeiradeln nutzen können. Fahrradherz, was willst du mehr? 

Radfahrerende warten vor Klappbrücke in Kopenhagen Radfahrende vor einer Klappbrücke in Kopenhagen, der fahrradfreundlichsten Stadt der Welt

Doch die fahrradfreundlichste Stadt der Welt ruht sich auf diesen Erfolgen längst nicht aus, sondern bringt ständig Innovationen auf die Straße, mit denen Radfahrende bei der Stange bleiben. Der neueste Clou: ein intelligentes Verkehrsleitsystem, mit dem sich Fahrradstaus geschickt umfahren lassen. Außerdem gibt es eine grüne Welle für Radfahrende, damit sie an Ampeln nicht ausgebremst werden. Bodenlichter zeigen nun an, ob man die optimale Geschwindigkeit von 20 Stundenkilometern erreicht hat, um flüssig durch den Verkehr zu kommen.

Die perfekt entwickelte Fahrradkultur Kopenhagens gilt längst anderen Städten als Vorbild: Städteplanende aus der ganzen Welt pilgern in die fahrradfreundliche Stadt Nummer eins, um sich anzuschauen, welche Konzepte sie in ihrer Heimat adaptieren können.

Das Umdenken beginnt – für mehr fahrradfreundliche Städte

Ein Blick auf die Straßen von Berlin und Bremen zeigt, dass in puncto Fahrradfreundlichkeit gerade in Deutschland noch einiges getan werden muss – und dass der Kampf um mehr Platz für Fahrräder im innerstädtischen Raum längst im vollen Gange ist. Städte, die sich als fortschrittlich und zukunftsfähig erweisen möchten, kommen nicht mehr umhin, sich fürs Radfahren stark zu machen, in sichere Radwege zu investieren und mehr Copenhagenization zu wagen. Für eine saubere Luft, weniger Lärm, gesündere Bürgerinnen und Bürger sowie schlichtweg mehr Lebensqualität.

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